Verstrichen plus Eins
So lautete die Antwort der Hebamme auf die Frage der Gebärenden, wie weit wir denn wären. Es war Nachmittag, für die Gebärende war die dreißigste Wachstunde angebrochen, ihr größtes Motivationstief war überwunden und sie gab sich mit dem Verlauf der Dinge geschlagen. Die halbe Ampulle eines Betäubungsmittels tat das ihrige dazu. Die werdende Mutter hatte ihren Widerstand aufgegeben, lag mit geschlossenen Augen auf dem halbaufrechten Bett, nicht in ihrer optimalen Wehenverarbeitungshaltung. Das war allerdings das Zugeständnis an das Benebelungsmittel. Wegen des Kreislaufs durfte sie ab dem Zeitpunkt der Verabreichung nicht mehr stehen. Manchmal kniete sie noch im Vierfüßler auf dem Bett. Sie spürte natürlich trotzdem die Schmerzen, musste natürlich trotzdem viel Kraft anwenden und konnte natürlich trotzdem nicht schlafen. Sie konnte, wie ich ihr ansah, mit dem Begriff genauso wenig anfangen, wie ich. Aber irgendwie vermittelte er Zuversicht.
Die Wehen waren immer noch unregelmäßig, sie blieben es bis zum Schluss. Als der Pressdrang begann, war klar, dies musste die Endphase sein. Unglaublich, wie viele Kräfte sie zu diesem Zeitpunkt noch mobilisieren konnte. Eine leidenschaftliche Sportlerin, vor allem was das Radfahren betrifft, mir nicht unähnlich. Ich hatte sie seit dem frühen Vormittag immer wieder am Kreuzbein und entlang der Wirbelsäule mit Shiatsu behandelt. Es tat ihr wohl, es nahm der einen oder anderen Wehe ihren Schmerz. Auch jetzt versuchte ich sie mit Shiatsu zu unterstützen, hauptsächlich am Kopf, der Stirn, dem Nacken, manchmal am Arm oder am Bein, wenn eines der beiden gerade in meiner Nähe war. Dazwischen versorgte ich meine Freundin mit Wasser und Traubenzucker.
Es roch schon nach Geburt, als die ersten Haare des Babykopfes erkennbar wurden. Ab diesem Zeitpunkt durfte sie ihre Beine in den Wehenpausen nicht mehr schließen, sonst hätte sie das Baby wieder zurück gedrückt. Sie war in die herausfordernde Seitenlage gezwungen. Ich hüpfte also auf das Bett und hielt in einer Abwandlung der Samurai-Position ihre Knie auf Distanz, die letze halbe Stunde lang. Tapfer und kraftvoll presste sie den Buben von Wehe zu Wehe ein paar Zentimeter weiter hinaus, bis es nach dem Kopf endlich flutschte und das Kind ins Licht des Kreißzimmers kam. Graublau, mit der Nabelschnur um den Hals (locker genug) und mit verkreuzten Armen wurde es von der Hebamme in Empfang genommen. Die Krankenhäusler (zum Endspurt gesellte sich eine weitere Hebamme, eine Ärztin und ein Pfleger zu unserem Dreierteam) jubelten. Ich kämpfte mit meiner Fassung und meiner sich zum Weinen verzerren wollenden Mimik. Es war die erste Geburt eines Menschenkindes, die ich sehen durfte.
Gut, dass ich mich meines weiteren Auftrags besinnen konnte, den Vater des Kindes zu holen. Ihn, der sich die letzten Monate der Schwangerschaft nicht mehr gemeldet hatte, der die werdende Mutter dann doch noch zum errechneten Geburtstermin im Krankenhaus bei einer Untersuchung abgepasst hatte und sich, wie ich von ihr später hörte, sehr liebevoll und bemüht um die Wehende die ganze Nacht vor der Geburt gekümmert hatte. Die beiden dürften noch einiges bereinigt haben. Sie haben den für die Mutter schon feststehenden, in ihrem Freundeskreis schon akzeptierten, goutierten und verwendeten Namen des Kindes wieder aufgehoben und sich, wenn auch nicht für eine Liebesbeziehung, denn doch für eine gemeinsame Elternschaft, ausgesprochen. Er war sehr durch den Wind, als ich ihn holte. Als ich die Jungfamilie mindestens eine Stunde später verließ, hielt er noch immer das Baby mit tränenden Augen im Arm und wirkte, als ob er den wertvollsten Schatz des gesamten Universums hütete. Geduldig beobachtete die Mutter die Szene, mit schon aufgeknöpftem Hemd, bereit das Kind zum Busen zu bringen, wenn auch alle anderen sich dazu bereit zeigten.
Wann das geschah, weiß ich nicht. Ich überließ die Szene ihrer Intimität und ging mit der zweiten Bereitschaftsfreundin etwas essen und besuchte danach noch ein befreundetes Paar in der Nähe des Krankenhauses. Nach Mitternacht setzte ich mich endlich wieder auf meinen vollbepackten Drahtesel und bezwang in Ehrerbietung an meine Freundin den Weg zur Jubiläumswarte. Atmend, staunend, freudig, gruselnd, sortierte ich die Erlebnisse des Tages und die Wahrnehmungen der Nacht. In der alle Mühe lohnenden Abfahrt schickte ich noch meine besten Wünsche an die jungen Eltern auf den Weg, und an das noch namenlose Baby sowieso…



Nel um 18:55 am 30. Juli 2011 Permalink |
sehr schöner text! macht lust aufs gebären, das meine ich ernst. so ein großartiges ereignis,
Dutchi um 21:53 am 30. Juli 2011 Permalink |
Du solltest Doula werden. Ehrlich!
Eingeleitet zu werden hat sich für mich ganz komisch angefühlt, obwohl alles sehr flott und glatt ging und ich fast alles nach meinen Wünschen gestalten konnte. Es ist gut, wenn man jemanden dabei hat, bei dem man sich fallenlassen kann, auf dem automatisch etwas holprigeren Einleitungs-Pfad. Klingt, als wärst du genau die richtige gewesen.