Glückskeks
Als solches empfinde ich mich. Jedenfalls seit ich wirklich an ein glückliches und somit auch ein glückbeseeltes Leben glaube, also seit einem guten Jahrzehnt. Das Haus hier mit dem Garten war definitiv ein Haupttreffer, abgesehen von meinem Liebsten und unserem Kind natürlich. Auch die Tagesmutter war, bzw. ist ein Glückstreffer. Ich wusste, auch während dieses ganzen Zirkus mit der Kinderkrippe, der in meinem Inneren stattfand, dass es die Idealversion für uns alle gibt. Ich hörte nicht auf, daran zu glauben. Kurzfristig versteifte ich mich auf eine Montessori-Kleinkindgruppe. Sie erschien mir ideal. Die Vorgespräche waren so, wie sie sein sollten, nämlich offen, menschlich, persönlich, an dem Kind genauso interessiert, wie an den Anliegen der Eltern und es schien den Verantwortlichen auch wichtig zu sein, ihre Methoden zu erklären. Wirklich schön. Ich kam mir gesehen vor. Mein Sohn wurde gesehen. Wir waren willkommen. Die Montessori-Idee gefällt mir ohnehin, die Pädagoginnen scheinen wirkliche Profis zu sein, eine von ihnen ist sogar Pikler-Pädagogin. Und von Pikler bin ich sowieso überzeugt. Alles perfekt also für meinen Wunsch, dass mein kleiner Hase einen gesunden sozialen Umgang lernt. Von Anfang an. Nicht vorgekaut, sondern mit der Möglichkeit, selber zu erkennen, mit der schönen Methode des Spiegelns bei Konflikten. Und auch ich würde die erhoffte Inspiration für meinen Alltag zu Hause mit meinem Kind bekommen. Man verliert sich ja immer wieder so leicht in irgendwelchen alten Mustern. Ach, diese ideale Welt – sie ist so schön!
Aber es gab auch Aspekte des Ganzen, die nicht so gut passten, wie z. B. die Kosten. Nicht, dass ich glaube, dass das Angebot dieser Gruppe nicht ihr Geld wert wäre, ganz im Gegenteil. Ich finde, diese Menschen sollten wesentlich mehr verdienen. Aber für unser Haushaltsbudget sind diese Beträge leider nicht in einer Größenordnung, die einfach aus der Portokassa entnommen werden könnten. Trotzdem, auch da glaubte ich weiter an die Machbarkeit – wo ein Wille, da ein Weg. Der zweite Nachteil waren die Öffnungszeiten. Ich habe hier schon mal erwähnt, dass uns mit einer Nachmittagsbetreuung am meisten geholfen ist, da der Kindesvater sich die Vormittage so gut wie immer frei einteilen kann, die Nachmittage jedoch nicht. Und wie es bei mir ab Herbst aussehen wird, kann ich noch nicht sagen. Es scheint mir jedenfalls recht unrealistisch bei meiner Arbeitsstelle nur vormittags zu arbeiten.
Also stieß ich glücklicherweise in der Zwischenzeit auf unsere Tagesmutter – auch das wurde hier schon genauer geschildert. Mein Sohn ist ihr erstes Tageskind. Schon am Telefon sagte sie mir, dass sie sich mit den Zeiten nach den Wünschen der ersten Familie richten wolle. Was für ein Glück – ich bin nicht so oft die Erste. Meinem Kind gefiel es dort von Anfang an sehr gut. Man kann es spüren, dass es sich wohl fühlt. Ich selber schwankte in den ersten Wochen. Diese Frau schien mir ihren eigenen Sohn viel zu sehr zu bemuttern. Die Grundsätze von Reformpädagogik schienen ihr nicht wichtig zu sein, dafür aber Höflichkeitsfloskeln und Umgangsformen. Nicht, dass Höflichkeit nicht auch von mir ein gern gesehener Wert wäre, aber mit einem ganz anderen Stellenwert. Handgeben als Muss, wenn jemand kommt oder geht, erscheint mir weder für Kleinkinder, noch für sonst irgendjemanden gut. Wenn man seine Freundlichkeit oder Zuneigung ausdrücken möchte, wird man, in jedem Alter, Mittel und Wege finden, dies zu tun. Wenn es passt, dann auch durch Handgeben. Training erfordert das meiner Meinung nach nicht. Naja.
Als sie mir eines abends beim Abholen erzählte, dass sich die beiden Jungs an diesem Tag das erste Mal wegen eines Spielzeugs gestritten hätten, und dass sie gar nicht recht gewusst hätte, wie sie damit umgehen sollte, fiel mir das Herz in die Hose. In der Montessori-Gruppe hätten sie das sehr genau gewusst, schoss es mit durch den Kopf. Ich wusste nicht, was antworten. Ich antwortete auch nicht. Erst zu Hause, nach Stunden (oder waren es Tage?), kam ich zu dem Punkt, eine große Wertschätzung dieser Frau gegenüber zu empfinden. Sie hat sich mir gegenüber in ihrer vollen Echtheit gezeigt, ganz ohne Maske, ganz ohne Dünkel. Sie hatte mir ihr vollstes Vertrauen entgegen gebracht!
Nochmal ein paar Tage später fragte sie mich sogar um Rat. Sie wollte wissen, wie ich mit meinem Hang zur Reformpädagogik eine konkrete Situation handhaben würde. Nicht nur, weil sie daran interessiert wäre, meine Vorstellungen in Bezug auf die Erziehung meines Kindes bestmöglich zu erfüllen, nein, vielmehr, weil sie in dieser konkreten Situation mit ihrem eigenen Sohn nicht genau wüsste, was am besten wäre. Mir blieb wieder der Mund offen. Diesmal antwortete ich. Ich drückte ihr meine Wertschätzung für unsere Gesprächsbasis und ihre Unvoreingenommenheit aus. Nun war es an ihr, erstaunt zu sein. Wie eine Kuh mit großen Augen – und das sei jetzt bitte völlig liebenswürdig verstanden – blickte sie mich an und sagte: “Aber das ist ja die Grundlage dieser Arbeit, wir müssen zusammen arbeiten! Ob wir wollen oder nicht, wir sind jetzt eine große Familie!”
Das Schwanken hatte ein Ende. Mein Kind ist in guten Händen und hat manchmal sogar schon Tischmanieren…

















Kitty um 20:27 am 21. April 2011 Permalink |
Schön!