Familienerbe
Ich frage mich, in wie vielen Familien Gewalt zu Hause ist. Oder besser: in wie vielen nicht? Bevor ich Mutter wurde, nein, bis vor kurzem dachte ich, das wäre eine simple ideologische Entscheidung. Natürlich war es mir klar, dass man als Elternteil in herausfordernde Situationen kommt – aber bitte, soweit hab ich mich doch unter Kontrolle. Dachte ich…
Jetzt weiß ich es besser. Ich hab mich nicht immer unter Kontrolle. Ich fühle mich manchmal von meinem 2jährigen so wahnsinnig provoziert, dass es in mir prodelt. Dann steigt eine fatale Mischung aus Wut, Angst, Zorn, Aggression, Hilflosigkeit und tiefe Gefühlsverletzung in mir hoch, und ich weiß nicht wohin damit. Dass mein Kind nichts dafür kann, sondern mir nur den Spiegel hinhält, ist mir in jeder Sekunde völlig klar, aber mein Verstand hat keine Macht über diese enorme Emotionsgewalt. Zu tief sind die Muster und Spuren, die meine eigenen Eltern in meiner Persönlichkeit hinterlassen haben. Und diese wiederum wurden wahrscheinlich durch noch viel Schlimmeres geprägt. Wie wird mein Sohn mit diesem Erbe umgehen? Wird er davon aussteigen können? Es ein für alle Mal beenden können? Ich habe schon versagt…
Seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, beschäftige ich mit mir selbst, versuche meine Wunden zu heilen. Ich dachte, über diese Dinge wäre ich längst hinweg. Das klingt jetzt alles unwahrscheinlich dramatisch. Es gibt definitiv viel Schlimmeres. Ich bin nicht vergewaltigt wurden, ich bin nicht bewusstlos geprügelt worden. Ich wurde geschlagen, manchmal – oder wie ich glaube, selten. Es wurde geschrien, mir wurde gedroht, ich wurde bestraft. Und ich, wenn ich mich überfordert fühle, allein bin mit dem Kind, nicht einfach für zehn Minuten oder eine halbe Stunde raus gehen, weg gehen kann, Luft holen kann, mache nichts anderes. Greife einfach auf die eingespeicherten Werkzeuge meiner Eltern zurück.
Therapie? Ja. Unbedingt. Ich kann sie mir nur leider nicht leisten. Die Zeiten, in denen ich immer ein paar Hunderte für meine eigene Seelenproblematik auf der Seite hatte, sind vorbei. Ich hoffe, das alles ändert sich…
Funkelblau um 12:33 am 4. Dezember 2011 Permalink |
Wenn man wenig Geld hat, zahlt die Versicherung den groessten Teil, das ist zumindest bei mir so und ich weiß das sehr zu schaetzen. Solange man spuert, dass es die eigene Kindheit ist und die saetze wiederholt oder die gefuehle, denke ich, ist das System schon durchbrochen. Außerdem geht man ganz anders mit dem Kind um, eben nicht als Mama hat immer recht und Mama hat das recht zu allem, sondern Mama hat kurz die nerven verloren, ist nicht unfehlbar. Mein Kind hat mich sehr strapaziert und es war ein langer weg für mich zu verstehen, dass ich im Alltag regeln klar umsetzen muss, nicht immer die liebe Mama sein, sondern aufrechter Schutz und manchmal auch Gesetz. Ich wollte mir selbst die Kindheit retten und alles alles verstehen, gleichzeitig habe ich mich schuldig gefuehlt, weil mein Kind mir ausgesetzt ist und es nicht geht, dass das eigene Kind zum Wunden schließen der eigenen Kindheit wird. Vertracktes System, je handlungsunfaehiger ich wurde, je nervoeser und anstrengender wurde das Kind, das so dringend Klarheit und das du und ich, und nicht das von mir( nach außen von ihr) verschwommene wir. Oft hab ich fast die nerven weggeschmissen, aber sie hielten doch, weil mir die Vermischung bewusst war. Kinder sind anstrengend, manchmal will man nur das eigene Ego leben, wenn man das aeussert und als legitim empfindet, ist die agression schon draußen aus der Situation und wird zum Antrieb und zur kraft sich um sich zu kümmern, ob mit oder ohne Therapie. Alles liebe und ich glaube so wie ich dich lese brauchst du dir keine sorgen machen.
anja um 07:45 am 5. Dezember 2011 Permalink |
Ich will mal eine mama oder einen papa kennenlernen der nie aggressionen gegen das kind hat. Gibt es aber nicht. Kinder fordern deine grenzen heraus. Du kannst mit ihnen nicht auf augenhöhe abmachungen treffen, weil sie nicht so kooperativ sind wie erwachsene. Und genau das nervt uns oft. Ich denke es ist also besser etwas früher “gesetz” zu spielen, wie es funkelblau nennt, ernsthaft und mit nachdruck grenzen zu setzen, als ein stündchen später die kontrolle ganz zu verlieren und vielleicht was zu tun, was man bereut. Friktionsfrei wird es aber nie laufen. Aber das hält jedes kind aus.